53 % mehr gefährliche Produkte in 2023 – über 1.000 Kosmetika mit gefährlichen Substanzen 

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Im Safety Gate der europäischen Union werden wöchentlich gefährliche Produkte gemeldet, die von den europäischen Behörden an der Grenze gestoppt, vom Markt genommen oder sogar bei Endkonsumenten zurückgerufen werden müssen. Das auch unter dem Namen Rapex-System bekannte Safety Gate ist das europäische Informationsaustausch-System, über das sich die Marktaufsichtsbehörden der Mitgliedsländer gegenseitig über gefährliche Produkte informieren. 

Wenn Produkte in einem Mitgliedsstaat als gefährlich oder schädlich eingestuft werden, nehmen die nationalen Marktaufsichtsbehörden dies in der Regel zum Anlass, die Produkte auch in diesen Ländern vom Markt zu nehmen. 

Wie viele Rapex-Meldungen gab es in den letzten vier Jahren?

Wir haben die Daten der letzten vier Jahre ausgewertet und kommen zu sehr interessanten Ergebnissen:

Im Jahr 2023 erfolgten insgesamt 3.418 Warnmeldungen auf dem Safety Gate. Dies sind 53 % mehr Meldungen als im Vorjahr und mit großem Abstand die meisten Meldungen der letzten Jahre. 

Pro Woche wurden im Jahr 2023 im Schnitt 66 Meldungen gemacht gegenüber 43 Meldungen im Jahr 2022.

Abbildung 1: Meldungen gefährlicher Produkte im Safety Gate 2020 – 2023. Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis: https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true  

Welche Produktgruppen waren besonders betroffen?

Schaut man sich die betroffenen Produktgruppen an, so stammten im Jahr 2023 die meisten gemeldeten Produkte aus dem Bereich Kosmetika. Mit insgesamt 1.091 gemeldeten Produkten wurden demnach fast jeden Monat 100 Kosmetika mit Verkaufsverboten oder sogar Produktrückrufen belegt. 

Mehr als 400 Meldungen betrafen die Produktkategorien Spielzeuge (466 Meldungen = 13,7 %), Elektrische Produkte incl. Beleuchtung und Multi-Media-Produkte (417 > 12,2%), Kraftfahrzeuge (416 > 12,2%) und Bekleidung, Textilien, Mode- und Babyartikel (401 > 11,7 %). 

Während die Anzahl der gemeldeten gefährlichen Spielzeuge gegenüber dem Vorjahr leicht zurückgegangen ist, nahmen die Meldungen vor allem bei den elektrischen Produkten und den Textilien deutlich zu.

Abbildung 2: Gefährliche Produkte nach Produktgruppen im Jahr 2023. Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis: https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true

Wie schon im Vorjahr zu beobachten nahm die Anzahl der Meldungen im Bereich der Schutzausrüstung aufgrund der kaum noch geprüften Atemschutzmasken weiter ab. Bemerkenswert ist der Anstieg der chemischen Produkte, die inzwischen fast 4 % der als gefährlich eingestuften Produkte ausmachen. Zu dieser Produktgruppe zählen verschiedenste Produkte wie Lacke, Klebstoffe oder Reinigungsmittel, am häufigsten beanstandet wurden aber Tattoo-Tinten und elektronische Zigaretten und deren Inhaltsstoffe. 

Welche Gefahren bergen die gefährlichen Produkte?

An erster Stelle der Gefahren standen auch im Jahr 2023 Chemikalien. Mit 1.738 Meldungen sind chemische Risiken für mehr als 50% der beanstandeten und verbotenen Produkte verantwortlich. Neben den über 1.000 Kosmetika, deren Hauptrisiken chemischen Ursprungs waren (über 95% der Kosmetika enthielten das in kosmetischen Produkten verbotene BMHCA) waren hiervon auch Babyartikel, Bekleidung, Schmuck, Spielzeuge und Sport- und Freizeitartikel betroffen.

706 oder 20,7% der beanstandeten Produkte bargen das Risiko von verschiedensten Verletzungen, Schnittwunden oder Seh- oder Gehörschäden, gefolgt von etwas über 300 Produkten (8,8%), die zu einem elektrischen Schlag oder Feuer führen konnten.

Von den 200 Produkten, die eine Gefahr für die Umwelt darstellten verstießen 167 gegen die RoHS-Richtlinie. Dies ist ein erneutes Zeichen dafür, dass die Behörden bei Elektroprodukten immer stärker die Einhaltung der definierten Grenzwerte achten en und bei entsprechenden Verstößen Verkaufsverbote und Produktrückrufe aussprechen.

Abbildung 3: Gefahren durch kritische Produkte im Jahr 2023. Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis: https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true

Wo kommen die gefährlichen Produkte her?

Wie auch in den vergangenen Jahren stammten die mit Abstand meisten beanstandeten Produkte aus der Volksrepublik China. 1.250 Produkte oder 36,6% wurden aus diesem Land importiert. Aufgrund der sehr hohen Anzahl an gemeldeten Kosmetika ging der Anteil chinesischer Produkte an allen beanstandeten Produkten von fast 50 % in 2022 deutlich zurück, die absolute Anzahl hat sich aber weiter erhöht.

Überraschenderweise lagen in 2023 Produkte aus Italien an zweiter Stelle der beanstandeten Produkte. Dies rührt daher, dass 355 der insgesamt 526 kritischen Produkte aus dem Bereich Kosmetika stammten – also der Produktkategorie, die im letzten Jahr vor allem von den italienischen und den ungarischen Marktaufsichtsbehörden intensiv überprüft wurden.

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Auch Produkte aus Spanien, Polen und Frankreich waren im Vergleich zu den Vorjahren bei den Herkunftsländern stärker betroffen. Bei den Produkten aus Spanien und Polen stammten mehr als 66 % der Produkte aus dem Bereich Kosmetika, bei den Produkten aus Frankreich 55 %.

Abbildung 4: Herkunftsländer der gefährlichen Produkte im Jahr 2023. Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis: https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true

Welche Länder melden die meisten gefährlichen Produkte? 

Abbildung 5: Rapex-Meldung der einzelnen Mitgliedsländer 2020 – 2023. Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis: https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true

Anders als in den Vorjahren kamen die meisten Meldungen in 2023 aus Italien, wo extrem viele Kosmetika geprüft und beanstandet wurden. Während Italien im Vorjahr nur 51 Meldungen eingereicht hatte, waren es in 2023 insgesamt 821, eine Steigerung um 1.500 %. 80 % der gemeldeten Produkte aus Italien betrafen Kosmetika.

Viele Meldungen kamen zudem aus Deutschland, Schweden, Frankreich und Ungarn. Auch die ungarischen Behörden haben sich in 2023 offenbar auf die Analyse von Kosmetika konzentriert, da 55% der gemeldeten Produkte Kosmetika waren. 

Während die Meldungen in den meisten europäischen Ländern auf einem ähnlichen Niveau geblieben sind wie im Vorjahr, wurden aus Schweden 150 % mehr Meldungen eingereicht als in 2022. Während Italien und Ungarn sich stark auf Kosmetika fokussiert haben, wurden von den schwedischen Marktüberwachungsbehörden vor allem elektrische Produkte (39,5% aller Meldungen), Schmuck (16,1%) und Spielzeug (10,6%) analysiert und größtenteils aus dem Verkehr gezogen.

Wie aktiv sind die Mitgliedsländer bei der Marktüberwachung?

Es scheint offensichtlich, dass bevölkerungsstarke Länder wie Deutschland, Frankreich oder Polen absolut mehr Produkte als gefährlich melden als die viel kleineren Länder wie Lettland, Luxemburg oder Zypern. Wie verhält es sich aber, wenn man die Größe der Bevölkerung in diese Betrachtung einbezieht und die Meldungen pro 1 Mio. Einwohner untersucht? Hier zeigen sich sehr interessante Ergebnisse:

Abbildung 6: Meldung gefährlicher Produkte pro 1 Mio. Einwohner 2022 und 2023 (Mittelwerte gestrichelt). Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis: https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true

Im Durchschnitt haben die europäischen Mitgliedsländer im Jahr 2023 insgesamt ca. 6,6 Produkte pro 1 Mio. Einwohner als gefährlich gemeldet (Basis: Bevölkerungszahl pro Mitgliedland am 1.1.2020 lt. Eurostat – in der Abb. 6 gekennzeichnet durch die rote bzw. blaue Linie). Dies sind knapp 2,3 Produkte mehr als im Jahre 2022. Deutschland liegt mit einem Faktor von 5,6 etwas unter diesem Durchschnittswert. Spitzenreiter in dieser Betrachtung ist Zypern mit 58,6 Meldungen pro 1 Mio. Einwohner. Ebenfalls außerordentlich aktiv sind Länder wie Litauen (39,4) Malta (38,9), Schweden (37,3) und Ungarn (31,6). 

Gar nicht oder kaum aktiv sind hingegen Spanien (0,1) und Griechenland (0,8). Unterdurchschnittliche Werte erzielen aber auch Portugal (2,6), Kroatien (2,7), Belgien (3,1) und Norwegen (3,2). Italien hat sich durch seine Aktivitäten im Bereich der Kosmetika in 2023 mit 13,6 Meldungen pro 1 Mio. Einwohner im vorderen Mittelfeld platziert, während es im letzten Jahr noch zu einem der Länder mit den wenigsten Meldungen zählte.

Diese Betrachtung zeigt, dass insbesondere viele kleinere Länder, gemessen an Ihrer Einwohnerzahl, im Bereich der Marktüberwachung recht aktiv sind. Gleichzeitig ist es verwunderlich, dass in einigen größeren Ländern offenbar so gut wie gar nicht geprüft wird. Wenn man davon ausgeht, dass auf den Märkten in Spanien, Griechenland oder Portugal ähnlich unsichere Produkte vermarktet werden wie in den übrigen Ländern der EU, so ist kaum nachvollziehbar, dass in diesen Ländern so gut wie keine gefährlichen Produkte gefunden und in das Safety Gate eingestellt werden.  

Welche Bedeutung haben diese Ergebnisse für Unternehmen?

Der starke Anstieg der beanstandeten und über das Safety Gate an alle anderen Mitgliedsländer übermittelten gefährlichen Produkte zeigt, dass die Marktüberwachungsbehörden Ihre Aktivitäten deutlich ausgeweitet haben. Zudem zeigt die Fokussierung auf bestimmte Produktkategorien in einzelnen Ländern, dass sich die Mitgliedsländer untereinander stärker abstimmen und so deutlich effizienter agieren können.

Die Gefahr, dass nicht-konforme Produkte von den Marktüberwachungsbehörden entdeckt und mit Verkaufsverboten oder Produktrückrufen belegt werden, deutlich gestiegen ist. 

Nach einer Untersuchung der Allianz können Produktrückrufe von Elektroartikeln oder Spielzeugen Kosten zwischen 650.000 € und 1.000.000 € nach sich ziehen. Auch schlagen Importverbote schon bei mittelgroßen Lieferungen leicht mit 50.000 – 100.000 € zu Buche, ganz abgesehen von zusätzlichen Strafzahlungen an Kunden und Imageverlusten. 

Welche Konsequenzen sollten Unternehmen aus den Ergebnissen ziehen?

Wir empfehlen unseren Kunden, dem Produkt Compliance Management, stichprobenartigen Tests und vor allem einer vollständigen und zuverlässigen Dokumentation einen deutlich höheren Stellenwert beizumessen und Schäden in beträchtlicher Höhe abzuwenden.

Gerne helfen wir Ihnen beim Aufbau eines geeigneten Risikomanagements und unterstützen Sie im Verlauf der Konformitätsbewertung. Dies umfasst unter anderem die Ermittlung der produktspezifischen Anforderungen, die Erstellung der technischen Dokumentation, die Risikoanalyse und die Konzeption vollständiger und aktueller EU-Konformitätserklärungen.

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Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss ist Gründer und Geschäftsführer der trinasco GmbH und Experte für Produkt Compliance Management. Er hat bei führenden internationalen Unternehmen wie Pepsi-Cola, Sony und Nokia gearbeitet und erfolgreich diverse Marketing-, Vertriebs- und General Management-Funktionen übernommen. Unter anderem leitete er eine europäische Business Unit, die Produkte mit asiatischen Lieferanten entwickelte, produzierte und in Europa vermarktete.

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