Rapex-Report am Donnerstag: Online Käufer leben gefährlich: Nicht warnende Feuermelder – nicht schützende Motoradhelme – brennendes Spielzeug

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Rapex-Report am Donnerstag: Online Käufer leben gefährlich: Nicht warnende Feuermelder – nicht schützende Motoradhelme – brennendes Spielzeug


Am vergangenen Freitag ist die neue Marktüberwachungsverordnung in Kraft getreten, durch die bei online verkauften Produkten auch die Marktplätze und die sogenannten Fulfillment-Dienstleister in die Verantwortung genommen werden können. Wenn man sich die Meldungen im Safety Gate der letzten Wochen ansieht, hat man den Eindruck, dass einige Marktplätze und Online-Händler noch schnell alles verkauft haben, was ab dem 16.7.2021 aus verschiedensten Gründen in Europa nicht mehr verkauft werden darf.

Allein in der letzten Woche wurden wieder 50 Produkte im Safety Gate der europäischen Union gemeldet. Und die meisten davon betrafen online verkaufte Produkte. Über das Safety Gate (früher Rapex-System) informieren sich die Behörden der Mitgliedsländer gegenseitig über gefährliche Produkte. Produkte, die mit Verkaufsverboten oder sogar Produktrückrufen in einem Land belegt werden, müssen dann auch in den anderen Ländern vom Markt genommen (oder entsprechend verändert) werden.

Sehr brisant waren 5 verschiedene Feuermelder, die die französischen Marktaufsichtsbehörden mit Verkaufsverboten und auch Produktrückrufen belegt haben. Die Produkte wurde online über verschiedene Anbieter wie Wish, AliExpress oder CDiscount verkauft.

Die Rauchmelder hatten alle keine ausreichende Empfindlichkeit und die Schallleistung war zu niedrig (gemessene Werte teilweise nur 60 dB). Folglich konnten sie ihre Funktion nicht erfüllen, so dass sich ein evtl. Feuer weiter entwickeln kann. Durch die mangelnden Alarmsignale könnte es zudem zu Erstickungsgefahren führen. Die Produkte entsprachen nicht der Bauprodukteverordnung und der einschlägigen europäischen Norm EN 14604. Auch formal entsprachen die Produkte nicht den europäischen Anforderungen, da CE-Kennzeichnungen und Name und Anschrift eines in Europa ansässigen Marktakteurs fehlten.

Ebenfalls zurückgerufen werden muss ein Motoradhelm der Marke Biltwell, der teilweise ebenfalls online verkauft wurde. Die Behörden in Frankreich stellten fest, dass die Aufprallabsorptionsfähigkeit des Helms unzureichend war und die Benutzer oder Benutzerinnen im Falle eines Aufpralls schwere Kopfverletzungen erleiden können. Das Produkt verstieß gegen die Anforderungen der Verordnung ECE 22-05.

Verbrennungsgefahren barg zudem ein interaktives weiches Spielzeug aus China – auch dieses war vor allem online verkauft worden. Die Oberfläche des Batteriefachs konnte leicht überhitzen. Dies kann zu Verbrennungen für Kinder führen. Das Produkt war nicht konform mit den Anforderungen der Spielzeugrichtlinie und der einschlägigen europäischen Norm EN 71-1 und EN 62115.
Chemische Gefahren und mögliche Gehörschäden verursachte ein weiteres online verkauftes Spielzeug. Das Spielzeug zum Hinterherziehen in Entenform, das auch eine Rasselfunktion hatte, wurde vor allem über den chinesischen Marktplatz Wish verkauft.

Der Kunststoff des Produkts enthielt eine übermäßige Menge polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe (PAK), insbesondere Benzo[a]anthracene (BaA)(gemessener Wert bis: 1 mg/kg nach Gewicht). Dieser PAK kann Krebs verursachen. Darüber hinaus war der Schalldruckpegel zu hoch (gemessener Wert: 87 dB). Dies könnte zu vorübergehendem/dauerhaftem Hörverlust führen, wenn das Produkt verwendet wird.
Das Produkt entsprach nicht der REACH-Verordnung und den Anforderungen der Spielzeugrichtlinie und der einschlägigen europäischen Norm EN 71-1.

Ein weiteres Produkt für Kinder wurde von den ungarischen Marktaufsichtsbehörden mit einem Verkaufsverbot und einem sehr kostspieligen Produktrückruf belegt. Die Faschingsmaske für Kinder aus China war leicht entzündbar und die Flammenausbreitung zu hoch. Wenn die Maske Feuer fängt, könnte das Kind schwere Verbrennungen erleiden, weswegen das Produkt auch nicht die Anforderungen der Spielzeugrichtlinie und der einschlägigen europäischen Norm EN 71-2 erfüllte.

Zwei verschiedene Nacht- bzw. Schönheitscremes der Marken AQSA Cometics und Sheesha aus Pakistan wurden an der schwedischen Grenze abgelehnt. Die Produkte bargen ein chemisches Risiko, weil sie Quecksilber enthielten (gemessene Werte: 10900 mg/kg bzw. 12600 mg/kg). Quecksilber akkumuliert im Körper und kann Nieren, Gehirn und Nervensystem schädigen. Darüber hinaus kann es die Fortpflanzung und das ungeborene Kind beeinflussen. Beide Produkte erfüllten nicht die Anforderungen der Verordnung über kosmetische Mittel.

Äußerst gefährlich war auch ein Druck-Kochtopf der Marke Pressure cooker TORO Victoria 6L aus China, für den die slowakischen Marktaufsichtsbehörden einen Produktrückruf und eine entsprechende Warnmeldung an die Endverbraucher verordneten. Aufgrund eines Ausfalls des Sicherheitssystems konnte sich das Produkt unter Druck öffnen und sowohl den Deckel als auch den heißen Inhalt herauskatapultieren. Ein Benutzer kann hierdurch schwerste Verbrennungen oder Verletzungen erleiden. Das Produkt war nicht konform mit den Anforderungen der Druckgeräterichtlinie und der einschlägigen europäischen Norm EN 12778.

Zudem wurden in der letzten Woche noch mehrere Spielzeuge, Elektroprodukte (Ladegeräte, Adapter, Lichterketten) und Feuerwerkskörper von den europäischen Marktaufsichtsbehörden verboten, da diese der Spielzeugrichtlinie, der Niederspannungsrichtline oder der Pyrotechnik-Richtlinie und den einschlägigen Normen EN 71-1, EN 71-8, EN IEC 62368, IEC 60884-1, IEC 60844-2-5, EN 60598-2-20, EN 60598-1, EN 16263 nicht entsprachen.

Die beschriebenen Fälle zeigen, dass Hersteller, Importeure und Handelsunternehmen die einschlägigen Vorschriften und Normen kennen und befolgen sollten, um sich vor immensen finanziellen Schäden zu schützen. Die Einhaltung der europäischen Vorschriften und Normen sollte auch bei den Verhandlungen mit den meist chinesischen Lieferanten eine zentrale Rolle spielen, um die negativen Auswirkungen durch Importverbote, Verkaufsverbote und Produktrückrufe zu vermeiden.

Besonders gilt dies natürlich seit Freitag für Online-Händler, Marktplätze und Fulfillment-Dienstleister, die bisher oft unter dem Radar der Behörden große Mengen nicht konformer Ware verkaufen konnten. Aufgrund der neuen Marktüberwachungsverordnung ist es ab dem 16.7.2021 verboten, Produkte zu verkaufen, wenn es nicht einen in der EU ansässigen Hersteller, Importeur, Bevollmächtigten oder eben Fulfillment-Dienstleister gibt, der auch die Verantwortung für die Produktsicherheit übernimmt. Er muss sich vergewissern, dass eine EU-Konformitätserklärung erstellt wurde, eine technische Dokumentation vorliegt, die technische Dokumentation bereithalten und für 10 Jahre speichern. Er muss den Behörden Auskünfte in der jeweiligen Landesprache geben, mit diesen zusammenarbeiten und bei gefährlichen Produkten u.U. auch einen Produktrückruf einleiten und organisieren.

Die neue Marktüberwachungsverordnung gilt zwar nur für die sogenannten harmonisierten Produkte bzw. die entsprechenden CE-Vorschriften, aber in Deutschland ist zum 16.7. auch das neue Marktüberwachungsgesetz in Kraft getreten. Dieses weitet den Anwendungsbereich auf alle Produkte aus, die dem Produktsicherheitsgesetz unterliegen und dies sind nahezu alle Nonfood-Konsumgüter.

Gibt es keinen verantwortlichen Marktakteur in der Europäischen Union und liegen die genannten Unterlagen nicht vor, darf dieses Produkt nicht einmal beworben werden, da lt. der neuen Verordnung die Bereitstellung auf dem Markt bereits mit der Online-Ansprache der Verbraucher beginnt. Ein Online-Marktplatz muss Produkte, die keinen der aufgeführten Marktakteure nachweisen können und nicht den Namen dieses Marktakteurs auf dem Produkt tragen, aus dem Sortiment nehmen.

Wir raten daher unseren Kunden, gerade Online-Händlern, sich diese Verordnung genau anzusehen und dem Thema Produkt Compliance und Produktsicherheit in Zukunft eine sehr viel größere Bedeutung beizumessen, um sich vor existenzbedrohenden Bußgeldern und Sanktionen zu schützen.

Wir erwarten, dass die europäischen Marktaufsichtsbehörden dem Online-Handel in den nächsten Wochen und Monaten eine absolute Priorität einräumen werden, da Ihnen die neue Marktüberwachungsverordnung hierfür das richtige Instrumentarium liefert.

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Über den Autor
Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss ist Gründer und Geschäftsführer der trinasco GmbH und Experte für Produkt Compliance Management. Vor seiner Tätigkeit als Berater war Dr. Voss bei führenden internationalen Unternehmen tätig (Pepsi-Cola, Sony, Nokia) und hat dabei sehr erfolgreich diverse Marketing-, Vertriebs- und General Management-Funktionen bekleidet. Unter anderem leitete er eine europäische Business Unit, die eine Vielzahl von Produkten gemeinsam mit asiatischen Lieferanten entwickelte, produzierte und in Europa vermarktete. Durch seine langjährige, europaweite Erfahrung als Produktmanager und Geschäftsführer kann er die Risiken und Herausforderungen im Bereich Produkt Compliance sehr genau einschätzen und die Kunden der trinasco GmbH optimal unterstützen.