Rapex-Report am Donnerstag: Neue Marktüberwachungsverordnung kommt zum richtigen Zeitpunkt – Nicht schützende FFP2-Masken, brechende Kinderbetten, gefährliche Lichterketten

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Rapex-Report am Donnerstag: Neue Marktüberwachungsverordnung kommt zum richtigen Zeitpunkt – Nicht schützende FFP2-Masken, brechende Kinderbetten, gefährliche Lichterketten


In knapp zwei Wochen tritt die neue Marktüberwachungsverordnung in Kraft, durch die bei online verkauften Produkten auch die Marktplätze und die sogenannten Fulfillment-Dienstleister in die Verantwortung genommen werden können. Offenbar kommt diese Verordnung zum richtigen Zeitpunkt, da immer mehr gefährliche Produkte über den Online-Handel in die Europäische Union gelangen.

Allein in der letzten Woche wurden wieder über 40 Produkte im Safety Gate der europäischen Union gemeldet. Über das Safety Gate (früher Rapex-System) informieren sich die Behörden der Mitgliedsländer gegenseitig über gefährliche Produkte. Produkte, die mit Verkaufsverboten oder sogar Produktrückrufen in einem Land belegt werden, müssen dann auch in den anderen Ländern vom Markt genommen (oder entsprechend verändert) werden.

Wie in vielen Wochen vorher wurden aufgrund der Corona-Pandemie verschiedene Atemschutz- bzw. FFP2-Masken von den europäischen Marktaufsichtsbehörden geprüft und untersucht. Die italienischen und belgischen Behörden sprachen allein in der letzten Woche Verkaufsverbote für nicht weniger als 14 verschiedene Atemschutzmasken aus. Hiervon stammten 13 aus China, eine aus der Türkei.

Bei den auch online verkauften Produkten war die Partikel/Filterretention des Materials z.T. völlig unzureichend. Die gemessenen Werte betrugen bei einigen Modellen nur 22 %, 34 % oder 38 %. Folglich erfüllten die Produkte nicht die Gesundheits- und Sicherheitsanforderungen und entsprachen nicht der Verordnung über persönliche Schutzausrüstung (PSA) und der einschlägigen europäischen Norm EN 149.

Bei vier verschiedenen Kinderbetten, die wie Rennwagen oder LKWs gestaltet waren, lehnten die bulgarischen Behörden die Einfuhr direkt an der Grenze ab. Die Produkte aus der russischen Föderation waren nicht stabil genug und konnten während des normalen Spiels brechen. Die Kinder konnten sich hierdurch schwere Verletzungen erleiden. Die Produkte verstießen gegen die Anforderungen der Richtlinie über die allgemeine Produktsicherheit und die geltende europäische Norm EN 1725.

Bei zwei Lichterketten bemängelten die Marktaufsichtsbehörden aus Ungarn und Tschechien Verstöße gegen die Niederspannungsrichtlinie und die einschlägigen europäischen Normen EN 60598 bzw. EN 60598-2-20. Bei einer der beiden Lichterketten waren die Konzeption und Produktionsqualität in mehreren Aspekten völlig unzureichend.

Das Kabel war nicht richtig verankert und zu dünn. Die zugänglichen Drähte hatten eine unzureichende Isolierung und die Abmessungen des Netzsteckers sind wesentlich geringer als erforderlich. Zudem ermöglichte die Struktur der Kabelverlängerungsbuchse das einpolige Einstecken von Steckern.

Das Produkt war nicht vor Feuchtigkeit geschützt, wurde aber für den Außenbereich empfohlen. Das Kabel konnte überhitzen, was zu Verbrennungen oder Feuer führt. Auch könnte Wasser in das Produkt eindringen oder der Benutzer könnte zugängliche stromführende Teile berühren, was zu einem elektrischen Schock führen kann.

Erst vor wenigen Monaten hatte in Deutschland eine defekte Lichterkette ein komplettes Wohnhaus zerstört, wodurch deutlich wird, zu welch verheerenden Konsequenzen derartige Mängel an elektrischen Produkten führen können

Von den ungarischen Behörden verboten wurde darüber hinaus eine Lampe aus China.
Die Lampe war sehr attraktiv für Kinder, war aber nicht mit einem Transformator oder einem Wandler ausgestattet. Stromführende Teile und heiße Oberflächen (214 °C) können direkt berührt werden. Dadurch kann der Benutzer Verbrennungen erleiden und einen elektrischen Schock erhalten.

Auch war die mechanische Festigkeit der Leuchte unzureichend. Sie konnte leicht brechen, was zu Schnittverletzungen führt. Auch diese Lampe war nicht konform mit der Niederspannungsrichtlinie und der einschlägigen europäischen Norm EN 60598.

An der slowakischen Grenze abgelehnt wurden verschieden Schmuckstücke aus Singapur. Eine Halskette und ein Armband enthielten übermäßige Anteile an Nickel (gemessene Werte 90 bzw. 331 µg/cm²/Woche). Nickel kann Hautreaktionen, Dermatitis, Verdauungsstörungen, verminderte Lungenfunktion, Bronchitis und ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs verursachen.

Der an der Grenze ebenfalls abgelehnte Ring enthielt Cadmium (gemessener Wert 84,6 Gew.-%). Cadmium ist schädlich für die menschliche Gesundheit, weil es sich im Körper ansammelt und Organe schädigen kann und Krebs verursachen kann. Alle drei Schmuckstücke entsprachen nicht der REACH-Verordnung.

Mit einem Verkaufsverbot und einer Rücknahme vom Markt belegt wurde ein Kinderzelt aus China von den polnische Marktaufsichtsbehörden. Das Material des Zeltes war leicht entzündlich und die Flammenausbreitung ist zu hoch. Wenn es Feuer fängt, könnte das Kind Verbrennungen erleiden. Darüber hinaus war der Rahmen des Zeltes nicht ausreichend stabil und konnte bei der Verwendung des Produkts leicht brechen. Dies könnte zu Verletzungen oder Schnitten durch scharfe Kanten führen. Das Produkt entsprach nicht der Spielzeugrichtlinie und den einschlägigen europäischen Normen EN 71-1 und EN 71-2.

Chemische Gefahren bargen zudem ein Hautpflegegel und Fingerfarben, die ebenfalls online verkauft wurden. Gemäß der Zutatenliste enthielt das Hautpflegegel Retinoinsäure (Tretinoin), die von einem Arzt verschrieben und unter Aufsicht eines Arztes verwendet werden sollte. Retinoinsäure ist in kosmetischen Mitteln verboten. Retinosäure ist teratogen und kann zu Embryopathie führen und das ungeborene Kind beeinflussen oder töten. Das Gel verstieß gegen die Verordnung über kosmetische Mittel.

Die blaue Fingerfarbe gab eine übermäßige Menge Nitrosamine frei (gemessener Gesamtwert: 60,14 mg/kg), darunter 4-Nitrosomorpholin (NMOR) und n-nitrosodiethanolamin (NDELA). Nitrosamamine können durch Einnahme oder Hautexposition Krebs verursachen. Ein Kind könnte ihnen ausgesetzt werden, wenn das Produkt berührt oder in den Mund gelegt wird. Das Set mit verschiedenen Fingerfarben war nicht konform mit der Spielzeugrichtlinie und der einschlägigen europäischen Norm EN 71-12.

Aufgrund der neuen Marktüberwachungsverordnung ist es in Zukunft verboten, Produkte zu verkaufen, wenn es nicht einen in der EU ansässigen Hersteller, Importeur, Bevollmächtigten oder Fulfillment-Dienstleister gibt, der auch die Verantwortung für die Produktsicherheit übernimmt. Er muss sich vergewissern, dass eine EU-Konformitätserklärung erstellt wurde, eine technische Dokumentation vorliegt, die technische Dokumentation bereithalten und für 10 Jahre speichern, den Behörden Auskünfte in der jeweiligen Landesprache geben, mit diesen zusammenarbeiten und bei gefährlichen Produkten u.U. auch einen Produktrückruf einleiten und organisieren.

Liegen diese Unterlagen nicht vor, darf dieses Produkt nicht einmal beworben werden, da lt. der neuen Verordnung die Bereitstellung auf dem Markt bereits mit der Online-Ansprache der Verbraucher beginnt. Wir raten daher unseren Kunden, gerade Online-Händlern, sich diese Verordnung genau anzusehen und dem Thema Produkt Compliance und Produktsicherheit in Zukunft eine sehr viel größere Bedeutung beizumessen, um sich vor existenzbedrohenden Bußgeldern und Sanktionen zu schützen.

Wir erwarten, dass die europäischen Marktaufsichtsbehörden den Online-Handel in Zukunft sehr viel stärker überwachen und kontrollieren werden, da Ihnen die neue Marktüberwachungsverordnung hierfür das Instrumentarium liefert.

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Über den Autor
Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss ist Gründer und Geschäftsführer der trinasco GmbH und Experte für Produkt Compliance Management. Vor seiner Tätigkeit als Berater war Dr. Voss bei führenden internationalen Unternehmen tätig (Pepsi-Cola, Sony, Nokia) und hat dabei sehr erfolgreich diverse Marketing-, Vertriebs- und General Management-Funktionen bekleidet. Unter anderem leitete er eine europäische Business Unit, die eine Vielzahl von Produkten gemeinsam mit asiatischen Lieferanten entwickelte, produzierte und in Europa vermarktete. Durch seine langjährige, europaweite Erfahrung als Produktmanager und Geschäftsführer kann er die Risiken und Herausforderungen im Bereich Produkt Compliance sehr genau einschätzen und die Kunden der trinasco GmbH optimal unterstützen.