Rapex-Report am Donnerstag: Frankreich und Belgien gehen massiv gegen Online-Plattformen Wish und Ali Express vor – Verkaufsverbote für über 20 Spielzeuge

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Rapex-Report am Donnerstag: Frankreich und Belgien gehen massiv gegen Online-Plattformen Wish und Ali Express vor – Verkaufsverbote für über 20 Spielzeuge



Erst vor kurzem hatte der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire verfügt, dass Wish in Frankreich aus den Ergebnissen von Suchmaschinen wie Google verschwinden soll. Bei stichprobenartigen Untersuchungen von Produkten hatte sich gezeigt, dass viele Artikel nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprachen und zum Teil äußerst gefährlich für die Verbraucher waren. Besonders bei Spielzeugen und Elektroprodukten waren die Ergebnisse dramatisch: 95 Prozent der Spielzeuge entsprachen nicht den gesetzlichen Vorschriften, 45 % wurden als gefährlich eingestuft. 95 % der Elektrogeräte waren ebenfalls nicht gesetzeskonform, 90 % sogar gefährlich. Die französischen Verantwortlichen kündigten zudem an, dass man die Seite Wish.com bei weiteren Verstößen komplett verbieten wolle.

Dass die französischen Marktaufsichtsbehörden sich weiter intensiv mit Wish beschäftigen, zeigen die Einträge im Safety Gate der letzten Woche. Über das Safety Gate (früher Rapex-System) informieren sich die Behörden der Mitgliedsländer gegenseitig über gefährliche Produkte. Produkte, die mit Verkaufsverboten oder Produktrückrufen in einem Land belegt werden, müssen dann auch in den anderen Ländern vom Markt genommen (oder entsprechend verändert) werden.

Insgesamt landeten in der letzten Woche 16 Produkte von Wish im Safety Gate und wurden mit sofortigen Verkaufsverboten belegt. Wish muß die Listung dieser Produkte auf dem Marktplatz beenden. Bei den Produkten handelte es sich nicht nur um Ladegeräte oder Spielzeuge, sondern auch um Shampoo, Anti-Oxidationscreme, Ringe, Damen- und Herren-Armbänder, Kinderkostüme und Kinderbikinis. Alle diese Produkte verstießen gegen unterschiedliche europäische Vorschriften und waren teilweise extrem gefährlich.

So enthielt die Anti-Oxidationscreme eine übermäßige Menge an Diethylenglykol (DEG) (gemessener Wert 4,9 Gew.-%). Diethylenglykol kann tödlich sein, da es die Nieren, die Fortpflanzung und die Entwicklung des ungeborenen Kindes schädigen kann. Bei einer Halskette und einem Armband, beide aus China, entdeckten die französischen Behörden Cadmium-Mengen von 62 bzw. sogar bis zu 91 Gewichtsprozent. Cadmium ist schädlich für die menschliche Gesundheit, weil es sich im Körper ansammelt, die Nieren und Knochen schädigen kann und Krebs verursachen kann. Die beanstandeten Ladegeräte konnten Feuer auslösen und zu schweren Verbrennungen führen.

Auch die belgischen Behörden untersuchten Produkte aus dem Online-Handel, nämlich Produkte, die über Ali Express vertrieben wurden. Die Köpfe von zwei verschiedenen Spielzeugpuppen enthielten übermäßige Mengen an Bis(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) (gemessener Wert: je 27 Gewichtsprozent). Eine Puppe enthielt zudem Di-n-octylphthalat (DNOP) (gemessene Werte: 27 % bzw. 1,50 Gew.-%).


Ein Spielzeugset mit Pfeilen enthielt nicht nur übermäßige Mengen an Bis(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP), Benzylbutylphthalat (BBP), Diisobutylphthalat (DIBP) und Dibutylphthalat (DBP) (gemessener Wert der Summe: 23 % im Pfeilrosakopf und 0,58 % im Gummi nach Gewicht), sondern auch noch zu hohe Mengen an Di-isononylphthalat (DINP), Di-Isodecylphthalat (DIDP) und Di-n-octylphthalat (DNOP) (gemessener Wert der Summe: 0,91 Gewichtsprozent). Diese gleichzeitig vorgefundenen 7 (!) verschiedene Phthalate können die Gesundheit von Kindern schädigen und ihr Fortpflanzungssystem und ihre Leber beeinträchtigen. Keines dieser Produkte erfüllte die Anforderungen der REACH-Verordnung.

Ali Express wurde von den belgischen Behörden aufgefordert, die Listungen der Produkte zu beenden und darüber hinaus die Kunden über die betreffenden gefährlichen Produkte auf der jeweiligen Produktseite und auf der Homepage zu informieren.

Insgesamt wurden in der letzten Woche über 50 Produkte von den verschiedenen europäischen Marktaufsichtsbehörden als gefährlich eingestuft und mit Verkaufsverboten oder sogar Produktrückrufen belegt. Hiervon waren 22 Produkte der Kategorie Spielzeuge, 8 den Schmuckstücken und 5 den elektrischen Produkten zuzuordnen.

Äußerst gefährlich war ein Schleim-Spielzeug aus China, das wie ein Softdrink gestaltet war und der bekannten Marke 7up bzw. einer Orangen-Limonade ähnelte. Aufgrund der Gestaltung der Verpackung konnte das Produkt leicht mit einem Softdrink verwechselt werden. Der Schleim kann daher von einem Kind oder einer schutzbedürftigen Person aus der leicht zu öffnenden Flasche verschluckt werden, was Magen-Darmreizungen verursachen kann. Das Produkt erfüllte nicht die Anforderungen der Richtlinie über Lebensmittelimitierungsprodukte und muss vom Distributor bei den Endverbrauchern zurückgerufen werden.

Zurückrufen muss auch die deutsche Drogeriemarktkette dm das Balea Wasserspray.
Das Produkt enthielt eine erhöhte mikrobiologische Belastung von Bakterienzellen der Risikogruppe II, einschließlich Burkholderia cenocepacia und Ralstonia pickettii. Diese Bakterien können Infektionen wie Lungenentzündung, Wundinfektionen und Sepsis verursachen, insbesondere bei immunkompromisierten Menschen. Das Produkt entsprach nicht der Kosmetikverordnung.

Die schwedischen Marktaufsichtsbehörden verordneten ein Verkaufsverbot und eine Produktrücknahme für eine Tattoo-Tinte aus den USA. Das Produkt enthielt die aromatischen Amine 4-Methyl-m-phenylendiamin (gemessener Wert 7.1. mg/kg/0,00071 %). Wenn das Produkt in direktem und längerem Kontakt mit der Haut ist, kann das aromatische Amin von der Haut aufgenommen werden. Aromatische Amine können Krebs, Zellmutationen verursachen und die Fortpflanzung beeinflussen.


In der Resolution ResAP (2008)1 des Europarates über Anforderungen und Kriterien für die Sicherheit von Tätowierungen und dauerhaften Make-up wird empfohlen, dass aromatische Amine mit karzinogenen, mutagenen, reprotoxischen oder sensibilisierenden Eigenschaften weder in Tattoos und dauerhaften Make-up-Produkten enthalten noch von Azofarbstoffen freigesetzt werden sollten.

Die litauischen Behörden fanden in Zementsäcken aus Belarus eine übermäßige Menge Chrom VI (gemessener Wert: 34 Gewichtsprozent) Chrom (VI) kann Krebs verursachen, sensibilisieren und allergische Reaktionen auslösen. Das Produkt verstiess damit gegen die REACH-Verordnung.

Wie risikoreich nicht nur das Hauptprodukt, sondern auch dessen Verpackung oder Zubehör sein kann, zeigte sich bei Padelschlägern in Finnland. Die mitgelieferten Schlägertaschen dieser neuen Trendsportart enthielten übermäßige Mengen an Diisobutylphthalat (DIBP) (Messwerte bis zu 1690 mg/kg), Dibutylphthalat (DBP) (Messwerte bis zu 524 mg/kg) und Bis(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) (Messwerte bis zu 24900 mg/kg). Das Produkt erfüllte also aufgrund der Taschen der Schläger nicht die Anforderungen der REACH-Verordnung und wurde von den finnischen Zollbehörden an der Grenze abgelehnt.

Nicht in Einklang mit den Anforderungen der Richtlinie über die allgemeine Produktsicherheit standen Plastikgabeln aus der Türkei in Ungarn. Die in 100er-Packs verkauften Gabeln brachen zu leicht und Kunststofffragmente könnten sich lösen. Diese Kunststofffragmente können zusammen mit der Nahrung verschluckt werden, ohne dies zu bemerken, was zu Verletzungen der inneren Organe und der Mundhöhle führen könnte.


Die beschriebenen Fälle zeigen, dass Hersteller, Importeure und Handelsunternehmen die einschlägigen Vorschriften und Normen kennen und befolgen sollten, um sich vor immensen finanziellen Schäden zu schützen. Die Einhaltung der europäischen Vorschriften und Normen sollte auch bei den Verhandlungen mit den meist chinesischen Lieferanten eine zentrale Rolle spielen, um die negativen Auswirkungen durch Importverbote, Verkaufsverbote und Produktrückrufe zu vermeiden.

Besonders gilt dies seit dem 16.7.2021 auch für Online-Händler, Marktplätze und Fulfillment-Dienstleister, die bisher oft unter dem Radar der Behörden große Mengen nicht konformer Ware verkaufen konnten. Aufgrund der neuen Marktüberwachungsverordnung ist es seit Juli 2021 verboten, Produkte zu verkaufen, wenn es nicht einen in der EU ansässigen Hersteller, Importeur, Bevollmächtigten oder eben Fulfillment-Dienstleister gibt, der auch die Verantwortung für die Produktsicherheit übernimmt. Er muss sich vergewissern, dass eine EU-Konformitätserklärung erstellt wurde, eine technische Dokumentation vorliegt, die technische Dokumentation bereithalten und für 10 Jahre speichern. Er muss den Behörden Auskünfte in der jeweiligen Landesprache geben, mit diesen zusammenarbeiten und bei gefährlichen Produkten u.U. auch einen Produktrückruf einleiten und organisieren.

Die neue Marktüberwachungsverordnung gilt zwar nur für die sogenannten harmonisierten Produkte bzw. die entsprechenden CE-Vorschriften, aber in Deutschland ist zum 16.7. auch das neue Marktüberwachungsgesetz in Kraft getreten. Dieses weitet den Anwendungsbereich auf alle Produkte aus, die dem Produktsicherheitsgesetz unterliegen und dies sind nahezu alle Nonfood-Konsumgüter.

Gibt es keinen verantwortlichen Marktakteur in der Europäischen Union und liegen die genannten Unterlagen nicht vor, darf dieses Produkt nicht einmal beworben werden, da lt. der neuen Verordnung die Bereitstellung auf dem Markt bereits mit der Online-Ansprache der Verbraucher beginnt. Ein Online-Marktplatz muss Produkte, die keinen der aufgeführten Marktakteure nachweisen können und nicht den Namen dieses Marktakteurs auf dem Produkt tragen, aus dem Sortiment nehmen.

Wir raten daher unseren Kunden, gerade Online-Händlern, sich diese Verordnung genau anzusehen und dem Thema Produkt Compliance und Produktsicherheit in Zukunft eine sehr viel größere Bedeutung beizumessen, um sich vor existenzbedrohenden Bußgeldern und Sanktionen zu schützen.


 

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Über den Autor
Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss ist Gründer und Geschäftsführer der trinasco GmbH und Experte für Produkt Compliance Management. Vor seiner Tätigkeit als Berater war Dr. Voss bei führenden internationalen Unternehmen tätig (Pepsi-Cola, Sony, Nokia) und hat dabei sehr erfolgreich diverse Marketing-, Vertriebs- und General Management-Funktionen bekleidet. Unter anderem leitete er eine europäische Business Unit, die eine Vielzahl von Produkten gemeinsam mit asiatischen Lieferanten entwickelte, produzierte und in Europa vermarktete. Durch seine langjährige, europaweite Erfahrung als Produktmanager und Geschäftsführer kann er die Risiken und Herausforderungen im Bereich Produkt Compliance sehr genau einschätzen und die Kunden der trinasco GmbH optimal unterstützen.