Kein April-Scherz: 89 gefährliche Produkte in einer Woche im Safety Gate der europäischen Union – 35 Schmuckstücke vom Amazon-Marktplatz entfernt

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Kein April-Scherz: 89 gefährliche Produkte in einer Woche im Safety Gate der europäischen Union – 35 Schmuckstücke vom Amazon-Marktplatz entfernt


Am Freitag, dem 1. April, wurden sage und schreibe 89 neue Produkte im Safety Gate der europäischen Union gemeldet. Über das Safety Gate informieren sich die europäischen Marktaufsichtsbehörden gegenseitig über gefährliche Produkte. Produkte, die in einem Land mit Verkaufsverboten, Produktrücknahmen oder sogar Produktrückrufen belegt werden, werden in der Regel auch in den anderen Mitgliedsstaaten vom Markt genommen.

Die mit Abstand meisten Produkte stammten aus dem Bereich Schmuck (35 Produkte) gefolgt von den Bereichen Kraftfahrzeuge (24), Babyartikel und Bedarf für Kinder (8), Elektrogeräte und -zubehör incl. Lichterketten und Beleuchtung (8), Spielzeuge (6) und Schutzausrüstung (3).

Die deutschen Marktüberwachungsbehörden haben sich intensiv mit Schmuckstücken auseinandergesetzt, die über Amazon verkauft wurden. Alle 35 Beanstandungen in diesem Bereich wurden von Deutschland gemeldet. Bemängelt und mit der Entfernung vom Marktplatz belegt wurden Halsketten, Ohrringe, Ohrstecker, Armbänder und Anhänger. Zwei der Produkte stammten aus Italien bzw. Österreich, alle anderen aus China oder mit unbekannter Herkunft. Die Produkte enthielten übermäßige Mengen an Blei (zwischen 0,35 und 3,8 Gewichts%) und/oder Cadmium (zwischen 35 und 95 (!!) Gewichts%) oder setzten Nickel frei (bis zu 6,15 µg/cm²/Woche).

Cadmium ist schädlich für die menschliche Gesundheit, weil es sich im Körper ansammelt, die Nieren und die Knochen schädigen kann und krebserregend ist. Blei ist schädlich für die menschliche Gesundheit: es akkumuliert im Körper, kann Entwicklung Neurotoxizität auslösen und kann auch ungeborene oder stillende Kinder schädigen. Nickel ist ein starker Sensibilisator und verursacht allergische Reaktionen, wenn sie in Artikeln vorhanden sind, die in einem direkten und längeren Kontakt mit der Haut bleiben.

 
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Abb. 1: Gefährliches Schmuckstück von Amazon
Quelle: Europäische Kommission,
https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/webReport/alertDetail/10005483, Sprache: Deutsch, Datum: 04.04.2022

Die beanstandeten Produkte verstießen alle gegen die REACH-Verordnung und Amazon muss die Listung dieser Produkte auf dem Marktplatz beenden. Viele der Schmuckstücke müssen zudem beim Endverbraucher zurückgerufen werden.

Im Bereich Babyartikel und Bedarf für Kinder wurden von den bulgarischen und isländischen Behörden insgesamt 8 Produkte als sehr gefährlich beanstandet. Bei verschiedenen Babyschwingen oder Wiegen aus den China (5), USA, Niederlande und Neuseeland griff der Verriegelungsmechanismus nicht automatisch, die Rückhaltesysteme konnten nicht auf die Größe der Babys eingestellt werden, die Babys konnten sich die Finger einklemmen oder es existierten keine Aufbau- und Bedienungsanleitungen in Landessprache.

Bei einem Modell hatte das Rückhaltesystem des Produkts keine Schultergurte. Darüber hinaus konnte der Schrittgurt des Taillengürtels leicht brechen. Infolgedessen könnte das Kind von der Babyschwinge herunterfallen und Verletzungen erleiden. Darüber hinaus war der Schalldruckpegel zu hoch (gemessener Wert: bis 81,4 dB). Dies könnte zu dauerhaften oder teilweisen Hörverlusten führen. Die Produkte entsprach weder den Anforderungen der Richtlinie über die allgemeine Produktsicherheit noch den europäischen Normen EN 16232 bzw. EN 12790.

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Abb. 2: Gefährliche Babyschwinge
Quelle: Europäische Kommission,
https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/webReport/alertDetail/10005841, Sprache: Deutsch, Datum: 04.04.2022
Die litauischen Behörden bemängelten eine Warnweste, die keine ausreichende retroreflektierende Oberfläche hatte. Hierdurch wäre der Nutzer in Situationen, in denen eine hohe Sichtbarkeit unerlässlich ist, nicht ausreichend sichtbar. Das Produkt verstieß gegen die Verordnung über persönliche Schutzausrüstung und die europäische Norm EN 1150.

Zudem ordneten die litauischen Behörden ein Verkaufsverbot für einen Kinderhelm an, der online verkauft wurde und für Radfahrer, Skateboarder oder Rollschuhläufer vorgesehen sein sollte. Die stoßabsorbierende Kapazität des Helms war unzureichend, sodass ein Kind im Falle eines Aufpralls schwere Verletzungen erleiden könnte. Auch dieser Helm war nicht im Einklang mit der Verordnung über persönliche Schutzausrüstung noch der europäischen Norm EN 1078.
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Abb. 3: Gefährlicher Kinderhelm
Quelle: Europäische Kommission,
https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/webReport/alertDetail/10005859 , Sprache: Deutsch, Datum:04.04.2022
Die beschriebenen Fälle zeigen, dass Hersteller, Importeure und Handelsunternehmen die einschlägigen Vorschriften und Normen kennen und befolgen sollten, um sich vor immensen finanziellen Schäden zu schützen. Die Einhaltung der europäischen Vorschriften und Normen sollte auch bei den Verhandlungen mit den meist chinesischen Lieferanten eine zentrale Rolle spielen, um die negativen Auswirkungen durch Importverbote, Verkaufsverbote und Produktrückrufe zu vermeiden.

Besonders gilt dies seit dem 16.7.2021 auch für Online-Händler, Marktplätze und Fulfillment-Dienstleister, die bisher oft unter dem Radar der Behörden große Mengen nicht konformer Ware verkaufen konnten. Aufgrund der neuen Marktüberwachungsverordnung und dem parallel verabschiedeten deutschen Marktüberwachungsgesetz ist es seit Juli 2021 verboten, Produkte zu verkaufen, wenn es nicht einen in der EU ansässigen Hersteller, Importeur, Bevollmächtigten oder eben Fulfillment-Dienstleister gibt, der auch die Verantwortung für die Produktsicherheit übernimmt. Er muss sich vergewissern, dass eine EU-Konformitätserklärung erstellt wurde, eine technische Dokumentation vorliegt, die technische Dokumentation bereithalten und für 10 Jahre speichern. Er muss den Behörden Auskünfte in der jeweiligen Landesprache geben, mit diesen zusammenarbeiten und bei gefährlichen Produkten u.U. auch einen Produktrückruf einleiten und organisieren.

Gibt es keinen verantwortlichen Marktakteur in der Europäischen Union und liegen die genannten Unterlagen nicht vor, darf dieses Produkt nicht einmal beworben werden, da lt. der neuen Verordnung die Bereitstellung auf dem Markt bereits mit der Online-Ansprache der Verbraucher beginnt. Ein Online-Marktplatz muss Produkte, die keinen der aufgeführten Marktakteure nachweisen können und nicht den Namen dieses Marktakteurs auf dem Produkt tragen, aus dem Sortiment nehmen.

Wir raten daher unseren Kunden, gerade Online-Händlern, sich diese Verordnung genau anzusehen und dem Thema Produkt Compliance und Produktsicherheit in Zukunft eine sehr viel größere Bedeutung beizumessen, um sich vor existenzbedrohenden Bußgeldern und Sanktionen zu schützen.

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Über den Autor
Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss ist Gründer und Geschäftsführer der trinasco GmbH und Experte für Produkt Compliance Management. Vor seiner Tätigkeit als Berater war Dr. Voss bei führenden internationalen Unternehmen tätig (Pepsi-Cola, Sony, Nokia) und hat dabei sehr erfolgreich diverse Marketing-, Vertriebs- und General Management-Funktionen bekleidet. Unter anderem leitete er eine europäische Business Unit, die eine Vielzahl von Produkten gemeinsam mit asiatischen Lieferanten entwickelte, produzierte und in Europa vermarktete. Durch seine langjährige, europaweite Erfahrung als Produktmanager und Geschäftsführer kann er die Risiken und Herausforderungen im Bereich Produkt Compliance sehr genau einschätzen und die Kunden der trinasco GmbH optimal unterstützen.