Spielzeuge und Chemie als dominierende Risiken in Europa - Meldungen gefährlicher Produkte im Safety Gate im ersten Halbjahr 2022

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 
Im Safety Gate der europäischen Union werden wöchentlich gefährliche Produkte gemeldet, die von den europäischen Behörden an der Grenze gestoppt, vom Markt genommen oder sogar bei Endkonsumenten zurückgerufen werden müssen. Das auch unter dem Namen Rapex-System bekannte Safety Gate ist das europäische Informationsaustausch-System, über das sich die Marktaufsichtsbehörden der Mitgliedsländer gegenseitig über gefährliche Produkte informieren. Wenn Produkte in einem Mitgliedsstaat als gefährlich oder schädlich eingestuft werden, nehmen die nationalen Marktaufsichtsbehörden dies in der Regel zum Anlass, die Produkte auch in diesen Ländern vom Markt zu nehmen.

Wie viele Rapex-Meldungen gab es in den letzten dreieinhalb Jahren?

Wir haben die Daten der letzten dreieinhalb Jahre ausgewertet und kommen zu sehr interessanten Ergebnissen:

Geht man davon aus, dass im 2. Halbjahr des Jahres 2022 etwa genauso viele Meldungen erfolgen werden wie im 1. Halbjahr, dann würde die Anzahl der Meldungen gegenüber 2021 wieder leicht ansteigen.

Pro Woche wurden innerhalb des ersten Halbjahres von 2022 im Schnitt 41 Meldungen gemacht gegenüber 40 Meldungen im Vorjahr.
Abbildung 1: Meldungen gefährlicher Produkte im Safety Gate 2019 - 1. HJ 2022
Abbildung 1: Meldungen gefährlicher Produkte im Safety Gate 2019 - 1. HJ 2022
Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis:
https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true

Welche Produktgruppen waren bei gemeldeten Produkten besonders betroffen?

Schaut man sich die betroffenen Produktgruppen an, so stammten im ersten Halbjahr des Jahres 2022 mit Abstand die meisten gemeldeten Produkte aus dem Bereich Spielzeug. Auch Kraftfahrzeuge nahmen, wie auch im Vorjahr, einen beachtlichen Anteil der Warnmeldungen ein, es waren jedoch deutlich weniger als Spielzeuge.

Zählt man zu den Spielzeugen auch die Rubriken Babyartikel und Kinderbedarf sowie Bekleidung, Textilien und Modeartikel hinzu, so ergibt sich hierdurch ein Anteil von fast 50 % an Produkten, die vor allem von Kindern benutzt werden. 50 % der Produkte sind also insbesondere gefährlich für Kinder und hierauf legen die europäischen Marktaufsichtsbehörden zu Recht ein immer stärkeres Gewicht. Das sieht man auch anhand des starken Anstieges seit dem vergangenen Jahr 2021, wo es noch 30 % waren.
Abbildung 2: Gefährliche Produkte nach Produktgruppen im 1. HJ 2022
Abbildung 2: Gefährliche Produkte nach Produktgruppen im 1. HJ 2022
Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis:
https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true
Deutlich zu sehen ist der Rückgang der Meldungen zu persönlicher Schutzausrüstung. In den letzten zwei Jahren der Pandemie war die Zahl der Meldungen zu Atemschutzmasken rapide angestiegen, ging nun aber erstmalig wieder zurück. Dies lässt sich mit der gestiegenen Impfrate und der Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus europaweit in Zusammenhang bringen. So haben viele europäische Länder, wie etwa die Niederlande und Dänemark, die Maskenpflicht bereits vor Monaten komplett abgeschafft. Demzufolge ist auch der Bedarf an Atemschutzmasken innerhalb der EU zurückgegangen.

Welche Gefahren bergen die gefährlichen Produkte?

An erster Stelle der Gefahren stehen in der ersten Hälfte des Jahres 2022 die Chemikalien. Die meisten Produkte in dieser Kategorie (oft auch Spielzeuge) enthielten nicht erlaubte giftige Substanzen (z.B. PAKs, Phthalate, Blei, Cadmium, Nickel, …) in viel zu hohen Konzentrationen. Im vergangenen Jahr standen noch die allgemeinen Verletzungen, die aus verschiedenen Gründen herrühren können und verschiedenste Produkte betreffen können, ganz vorn. Doch durch den Anstieg der chemischen Gefahren haben die Risiken durch Chemikalien die Risiken durch allgemeine Verletzungen übertroffen. Der Anteil an Meldungen aufgrund eines allgemeinen Verletzungsrisikos sind hingegen leicht zurückgegangen. Sie stehen jedoch immer noch an zweiter Stelle. Das drittstärkste Risiko betraf im 1. Halbjahr 2022 das Ersticken/blockierte Atemwege – auch hierbei gab es einen starken Anstieg. Von diesem Risiko betroffen sind in erster Linie ebenfalls Babys und kleine Kinder.
Abbildung 3: Gefahren durch kritische Produkte 1. HJ 2022
Abbildung 3: Gefahren durch kritische Produkte 1. HJ 2022
Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis:
https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true
Risiko Nr. 4 und 5 waren Feuer und elektrische Schläge, die oft gleichzeitig bei elektrischen Produkten auftauchen und in der Regel durch fehlerhafte Konzeption und/oder Produktionsmängel verursacht werden. Betroffen hiervon waren nicht nur Küchengeräte, Lichterketten oder Ladegeräte, sondern auch Elektroroller, Adapter, Massagegeräte, u.v.m.

Auch Risiken die Umwelt betreffend sind seit 2021 um 65 % in die Höhe gegangen, stehen jedoch noch immer hinter dem Risiko durch Feuer und elektrischen Schlag.

Wo kommen die gefährlichen Produkte her, die im RAPEX-Report zu finden sind?

Abbildung 4: Herkunftsländer der gefährlichen Produkte 1. HJ 2022
Abbildung 4: Herkunftsländer der gefährlichen Produkte 1. HJ 2022
Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis:
https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true
Aufgrund der globalen Beschaffungsaktivitäten der Unternehmen und der aktuellen Markt- und Produktionssituation ist es nicht überraschend, dass mehr als jedes zweite der gefährlichen Produkte aus der Volksrepublik China stammt (60,6 %). China ist dieses Jahr sogar noch etwas stärker als Herkunftsland gefährlicher Produkte vertreten als noch in den letzten drei Jahren und steht damit nach wie vor ganz vorn. Auffallend ist zudem, dass die Zahl an Meldungen von gefährlichen Produkten aus unbekannten Herkunftsländern um ca. 60 % gestiegen ist.

Die Zahl der Warnmeldungen mit Produkten aus Deutschland ist im ersten Halbjahr von 2022 in etwa um die Hälfte gesunken und beträgt derzeit nur noch 5 %. Dennoch steht Deutschland noch an Platz 3, was aber maßgeblich damit zusammenhängt, dass Deutschland ein großer Produzent von Kraftfahrzeugen ist und diese Produktkategorie eine der meisten Meldungen auf sich vereint, direkt nach den Spielzeugen.

Neben China, Unbekannt und Deutschland sind die größten Herkunftsländer gefährlicher Produkte Frankreich und die Türkei, gefolgt von den USA. Der Anteil dieser Länder ist aber mit 5,6 %, 3,9 % und 3,2 % prozentual recht gering.

Welche Länder melden die meisten gefährlichen Produkte?

Abbildung 5: Rapex-Meldung der einzelnen Mitgliedsländer 2019 – 1. HJ 2022
Abbildung 5: Rapex-Meldung der einzelnen Mitgliedsländer 2019 – 1. HJ 2022
Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis:
https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true
 
Analysiert man die einzelnen Meldungen pro Mitgliedland, so ist erkennbar, dass Deutschland und Frankreich im ersten Halbjahr des Jahres 2022 die meisten gefährlichen Produkte in das Safety Gate eingestellt haben. Im Jahre 2020 war das Vereinigte Königreich ebenfalls noch sehr aktiv, in 2021 hatte dies schon rapide abgenommen und nun, im Jahr 2022, sind so gut wie keine Meldungen mehr erfolgt. Dies lässt sich natürlich auf den Brexit zurückführen.

Neben den beiden bevölkerungsstarken Ländern Deutschland und Frankreich waren in der ersten Hälfte von 2022 auch Polen, Ungarn und Schweden sehr aktiv und meldeten jeweils über 75 Produkte allein in den ersten 6 Monaten dieses Jahres. Länder wie Spanien, Portugal und Griechenland melden demgegenüber verhältnismäßig wenige Produkte im Safety Gate der Europäischen Union.

Wie aktiv sind die Mitgliedsländer bei der Marktüberwachung?

Es scheint offensichtlich, dass bevölkerungsstarke Länder wie Deutschland, Frankreich oder Polen absolut mehr Produkte als gefährlich melden als die viel kleineren Länder wie Lettland, Luxemburg oder Zypern. Wie verhält es sich aber, wenn man die Größe der Bevölkerung in diese Betrachtung einbezieht und die Meldungen pro 1 Mio. Einwohner betrachtet. Hier zeigen sich sehr interessante Ergebnisse:

Abbildung 6: Meldung gefährlicher Produkte pro 1 Mio. Einwohner 1. Hälfte 2022 (Mittelwerte gestrichelt)
Abbildung 6: Meldung gefährlicher Produkte pro 1 Mio. Einwohner 1. Hälfte 2022 (Mittelwerte gestrichelt)
Quelle: eigene Darstellung, Graphik auf Basis: https://ec.europa.eu/safety-gate-alerts/screen/search?resetSearch=true
Im Durchschnitt haben die europäischen Mitgliedsländer im ersten Halbjahr des Jahres 2022 insgesamt ca. 2,2 Produkte pro 1 Mio. Einwohner als gefährlich gemeldet (Basis: Bevölkerungszahl pro Mitgliedland am 1.1.2020 lt. Eurostat – in der Abb. 6 gekennzeichnet durch die blaue Linie). Deutschland liegt mit einem Faktor von 2,9 etwas über diesem Durchschnittswert. Spitzenreiter in dieser Betrachtung ist Malta mit 50,5 Meldungen pro 1 Mio. Einwohner. Ebenfalls außerordentlich aktiv sind Länder wie Luxemburg (47,92), Litauen (18,9) und Island (16,48).

Gar nicht oder kaum aktiv sind hingegen Italien (0,25), Griechenland (0,09) und Spanien (0,04). Unterdurchschnittliche Werte erzielen aber auch Portugal (0,68) und, etwas überraschend, Dänemark (0,69). Wenn man davon ausgeht, dass auf den Märkten in Spanien, Italien oder Griechenland ähnlich unsichere Produkte vermarktet werden wie in den übrigen Ländern der EU, so ist kaum nachvollziehbar, dass in diesen Ländern so gut wie keine gefährlichen Produkte gefunden und in das Safety Gate eingestellt werden.
Über den Autor
Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss
Dr. Hartmut Voss ist Gründer und Geschäftsführer der trinasco GmbH und Experte für Produkt Compliance Management. Vor seiner Tätigkeit als Berater war Dr. Voss bei führenden internationalen Unternehmen tätig (Pepsi-Cola, Sony, Nokia) und hat dabei sehr erfolgreich diverse Marketing-, Vertriebs- und General Management-Funktionen bekleidet. Unter anderem leitete er eine europäische Business Unit, die eine Vielzahl von Produkten gemeinsam mit asiatischen Lieferanten entwickelte, produzierte und in Europa vermarktete. Durch seine langjährige, europaweite Erfahrung als Produktmanager und Geschäftsführer kann er die Risiken und Herausforderungen im Bereich Produkt Compliance sehr genau einschätzen und die Kunden der trinasco GmbH optimal unterstützen.